Der Fremde, Adaption des Romans von Albert Camus durch François Ozon, wird am Mittwoch, dem 10. Juni 2026, um 21:10 Uhr auf Canal+ ausgestrahlt. Mit Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Denis Lavant und Swann Arlaud in den Hauptrollen feierte der Film am 29. Oktober 2025 seinen Kinostart.
L’Étranger
Film | 2025
Kinostart: 29. Oktober 2025
Ausstrahlung auf Canal+ : Mittwoch, 10. Juni 2026 um 21:10 Uhr
Drama | Laufzeit: 1 Std. 57 Min.
Von François Ozon | Mit Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Denis Lavant, Swann Arlaud
Nationalität: Frankreich, Belgien, Marokko
In Algier, 1938, lebt Meursault ein einfaches und distanziertes Leben. Als seine Mutter stirbt, nimmt er an ihrer Beerdigung teil, zeigt aber keine erwartete Trauer. Am nächsten Tag kehrt er zu seinem Alltag zurück und beginnt eine Beziehung mit Marie – als ob dieses Ereignis nichts Besonderes wäre und sich nahtlos in sein gewöhnliches Leben einfügt.
Doch die Begegnung mit seinem Nachbarn Raymond Sintès führt Allmählich dazu, dass Meursault in eine Reihe von Ereignissen hineingezogen wird, die ihn weit übersteigen. Ein Drama spielt sich an einem Strand unter sengender Hitze ab und verändert sein Leben grundlegend. Von diesem Moment an zeigt die Geschichte die Diskrepanz zwischen einem Mann, der fast gleichgültig gegenüber der Welt ist, und einer Gesellschaft, die bemüht ist, seinen Bewegungen, seinem Schweigen und seiner Abwesenheit von Gefühlen einen Sinn zu geben.
Der Soundtrack stammt von Fatima Al Qadiri, die vor allem für ihre Zusammenarbeit mit Mati Diop bei Atlantique bekannt ist. Ihre Komposition verbindet elektronische Klänge mit klassischen Instrumenten und verfolgt dabei eine dezente Begleitmusik, die den im Film konsequent minimalistischen visuellen Stil ergänzt. Diese musikalische Entscheidung fügt sich perfekt in eine Inszenierung ein, in der Gefühl, Stille und Licht die zentrale Rolle spielen.
Im Wettbewerb der Venedig-Biennale 2025 vorgestellt und später auf Festivals wie Busan und San Sebastián gezeigt, setzt der Film die Tradition des literarischen Kinos von François Ozon fort. Der Regisseur kehrt hier zu mehreren Schauspielern zurück, mit denen er bereits zusammengearbeitet hat, darunter Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Swann Arlaud und Pierre Lottin.
Gedreht hauptsächlich in Marokko, vor allem in Tanger, im Frühjahr 2025, setzt L’Étranger auf Schwarz-Weiß-Bilder und ein kompaktes Format, um eine reduzierte koloniale Algerien-Welt zu erschaffen. Dieser ästhetische Ansatz erfüllt sowohl den Zweck der Rekonstruktion als auch den Wunsch nach Distanz, denn in diesem Film sind Bildkomposition, Licht und die Trockenheit der Situationen ebenso wichtig wie die Dialoge.
Unsere Einschätzung zu L’Étranger
Die Adaption von Albert Camus ins Kino ist ein durchaus riskantes Unterfangen. Mit L’Étranger stellt François Ozon sich einem berühmten Text, der als schwierig umzusetzen gilt, und wählt eine reduzierte, ausgesuchte Inszenierung: Ein Schwarz-Weiß-Film im 4/3-Format, präzise schauspielerische Einstellungen und eine optische Gestaltung, die den Widerstand gegen den Sinn in den Mittelpunkt stellt, statt seine psychologische Tiefe zu betonen. Der Film hält sich strickt an die formale Strenge des Romans und setzt diese konsequent um.
Die Geschichte spielt in Algerien im Jahr 1938 und folgt Meursault, einem unauffälligen Angestellten, dessen Leben sich nach einem tragischen Ereignis an einem Strand dramatisch verändert. Ozon porträtiert diesen Mann, der emotionslos und distanziert wirkt, wie er durch seine Umwelt schreitet. Das narrative Gefüge, aufgebaut aus banalen Gesten und Schweigen, zeigt einen Menschen, der die Ereignisse pure passieren lässt, ohne ihnen einen tieferen Sinn zu geben.
Der Großteil der Dreharbeiten fand in Frankreich und Marokko statt, in Kulissen, die eine klare, mediterrane Atmosphäre schaffen. Das Schwarz-Weiß und das komprimierte Format sind keine stilistischen Anklänge an die Retro-Ära, sondern dienen der Steuerung der Wahrnehmung: Das Licht wird zum Ausdrucksmittel — eindringlich am Strand, scharf im Gerichtssaal — und schafft eine Welt, die zwar klar und präzise ist, aber gleichzeitig ohne Wärme bleibt.
Benjamin Voisin verkörpert Meursault mit außergewöhnlicher Präzision: eine ruhige Aussprache, ein abwesender Blick, einfache Gesten. Ozon beobachtet lieber, anstatt zu kommentieren. Statische Bilder, langsame Kamerafahrten und minimalistische Dialoge unterstreichen die Ambivalenz: Die Welt läuft ab, doch nichts darin scheint wirklich einen Sinn zu ergeben. Der schlichte Schnitt und der dezente Klang verstärken dieses Gefühl einer schwebehaften Erwartung, bei der alles gleichzeitig banal und unausweichlich wirkt.
Der Absurdismus zieht sich durch jeden Moment des Films: Schon einfache Handlungen — eine Zigarette rauchen, baden, eine Frage beantworten — wirken bedeutungslos. Der Film zeigt einen Mann, der nicht glaubt, nicht kämpft, nichts sucht und auch nichts zu beweisen hat. Das letzte Gespräch mit dem Priester, gefolgt von der Zeile zu Marie: „Wenn du auch tot wärst, würde ich mich nicht mehr für dich interessieren, das ist normal,“ fassen diese Weltanschauung zusammen: ein klarer, fast gleichgültiger Blick auf Leben und Tod. Genau hier trifft der Film seinen Kern: in der Kamera, die die Leere, das Unausweichliche filmt — das Unverständliche, das Akzeptierte, als Wahrheit annehmbar.
Der Film präsentiert sich als literarisches Drama und bleibt doch dem Geist des Originals treu: zwischen philosophischer Reflexion und Beobachtung des Alltags. Ozon setzt auf das präzise Empfinden, einen langsamen Rhythmus und klare Bilder. Dazu spricht besonders das Publikum an, das Autorinnen- und Autorenkino schätzt, Klassiker-Adaptionen liebt und individuelle, introspektive Filme sucht. Für jene, die eine weniger expressive Dramatik favorisieren, könnte der Film verwirrend sein, doch all jene, die darauf stehen, dass das Kino auch Raum für Stille und Nachdenklichkeit lässt, werden begeistert sein.
Zusammengefasst verleiht L’Étranger dem Stille eine eigene Textur und der Gleichgültigkeit ein Gesicht. Ein sorgfältig inszeniertes Filmkunstwerk, in dem der Absurde die wahre Sprache des Kinos wird.
Der Roman von Albert Camus gilt als schwierig zu verfilmen und wurde nur selten auf die Leinwand gebracht. François Ozon entscheidet sich hier dafür, einige weibliche Figuren, wie Marie Cardona und Djemila, ausführlicher auszuarbeiten, während er die Grundstruktur des Textes bewahrt. Dieser behutsame Freiraum verleiht der Geschichte eine stärkere Ausrichtung auf Blick, Begierde und Urteil, ohne das philosophische Kernstück des Werkes zu verfälschen.
Der Film begleitete auch die Preis-Saison, mit dem César 2026 als bester Nebendarsteller für Pierre Lottin sowie mehreren Nominierungen für Benjamin Voisin, Fatima Al Qadiri und den Kameramann Manu Dacosse. Diese positive Kritiken bestätigen die besondere Stellung des Spielfilms im aktuellen französischen Kino.
Mit dieser Schwarz-Weiß-Adaption liefert François Ozon eine pointierte, konfrontative Lesart von Albert Camus' Werk. Zwischen der Analyse des gesellschaftlichen Blicks, einer Reflexion über das Absurde und der Inszenierung des Schweigens kommt Der Fremde bei Canal+ nach dem Weg eines Films, der Strenge statt Überhöhung wählte.
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