Alles beginnt mit einer leeren Wand. Am 21. August 1911, einem Montag, dem Schließtag des Louvre, verschwindet Die Mona Lisa. Am nächsten Morgen meldet sich der Maler Louis Béroud im Museum: Er ist mit den Gegebenheiten vertraut, besitzt eine Erlaubnis, in den Sälen zu arbeiten, und will genau jenes berühmte Porträt Leonardo da Vincis malen.
An ihrem Platz findet er nur vier Haken. Zunächst geht er davon aus, dass die Museumsfotografen das Werk vorübergehend verschoben haben. Dann braucht es einige Zeit, bis das Undenkbare anerkannt wird: Mona Lisa ist tatsächlich aus dem Louvre verschwunden!




Der Skandal ist enorm, und das Museum schließt während der Ermittlungen seine Türen. Die Sache erfasst die Zeitungen und fesselt ganz Paris. Wie konnte ein Gemälde aus den Beständen der nationalen Sammlung dem Louvre entkommen? Die Ermittler prüfen verschiedene Spuren, während die Presse den Diebstahl rasch zum Feuilleton macht. Und durch einen weiteren Diebstahl, der Jahre zuvor begangen wurde, gerät Guillaume Apollinaire in den Fall hinein.
Der Dichter hat sich seit einiger Zeit mit einer deutlich weniger vorbildlichen Persönlichkeit eingelassen: Honoré Joseph Géry Pieret, ein belgischer Abenteurer, der ihn eine Zeit lang als Sekretär diente. Pieret pflegt eine Gewohnheit, die plötzlich eine ganz andere Bedeutung gewinnt: Er hat bereits Antiquitäten im Louvre gestohlen, und diese Diebstähle datieren sogar vor dem Diebstahl der Mona Lisa!




Um 1907 entwendet Pieret aus dem Museum insbesondere kleine iberische Skulpturen. Einige gelangen in die Hände von Pablo Picasso, dem engen Vertrauten von Apollinaire, und das zu einer Zeit, in der eine künstlerische Revolution tobt. Eine dieser Skulpturen soll eine der zahlreichen visuellen Referenzen gewesen sein, die die Genese der Demoiselles d'Avignon umgeben! Niemand vermutet zu jener Zeit, dass diese Objekte wenige Jahre später den Dichter und den Maler erneut ins Visier der Justiz rücken würden.
Denn als die Mona Lisa verschwindet, taucht Pieret wieder auf. Gegen Ende August 1911 kontaktiert er die Zeitung Paris und behauptet, bereits Objekte aus dem Louvre gestohlen zu haben. Um das zu belegen, übergibt er der Zeitung eine antike Statuette, die tatsächlich aus den Beständen des Museums stammt. Er erklärt auch, weitere gestohlene Stücke verkauft zu haben, doch der Fall nimmt eine völlig neue Dimension an.




Die Redaktion von Paris veröffentlicht die Enthüllungen des Diebes und gibt das Objekt zurück an den Louvre. Die Polizei versucht nun herauszufinden, wer die anderen Antiquitäten erhalten hat, doch Guillaume Apollinaire kennt Pieret ganz genau. Noch peinlicher ist, dass er weiß, dass Picasso Skulpturen besitzt, die aus dem Museum stammen. Die beiden Freunde bekommen daraufhin Angst.
Die Episode wird oft mit einem fast burlesken Unterton erzählt: Picasso und Apollinaire, von der Sorge getrieben, kompromittiert zu werden, hätten erwogen, die Statuetten loszuwerden, indem sie sie in die Seine warfen. Hinter der Anekdote, die Berühmtheit erlangt hat, verbirgt sich jedoch eine Situation, die für sie deutlich weniger amüsant war: im Besitz von aus dem Louvre gestohlenen Objekten zu sein, genau in dem Moment, in dem die gesamte Pariser Polizei nach dem berühmtesten Gemälde des Museums fahndet, ist eine Position, die kaum komfortabel ist!




Die Skulpturen gelangen schließlich in die Zeitung, doch der Name Apollinaire ist den Ermittlern bereits bekannt. Am 7. September 1911 schlägt der Fall direkt bei ihm zu Hause zu. Am Abend melden sich zwei Beamte der Sûreté, der Oberinspektor Robert und Brigadier Coste, bei ihm in seiner Pariser Wohnung. Sie verfügen über eine Durchsuchungsanordnung des Untersuchungsrichters Joseph-Marie Drioux, der die Untersuchung zum Verschwinden der Mona Lisa leitet. Eine Durchsuchung wird durchgeführt: Die Polizisten suchen insbesondere nach weiteren Gegenständen, die möglicherweise aus dem Louvre stammen.
Der Weg führt Apollinaire ins Justizpalast, dann hinter die Mauern des Gefängnisses Santé in den 14. Arrondissement. Die wiedergefundenen Justizdokumente erlauben heute eine besonders präzise Schilderung. Das Einschreiberegister der Santé führt die Nummer 123. Auf dem Blatt 73 befindet sich die Akte auf den Namen Kostrowitsky, dem Geburtsnamen des Dichters. Das Aufnahme-Datum ist der 7. September 1911 und vor allem der rechtliche Grund erscheint dort schwarz auf weiß: „Beihilfe zum Diebstahl.“




Dennoch sollte man sich vor einer oft verwendeten Formel hüten, die den Abschnitt zusammenfasst: Apollinaire wird nicht festgenommen, weil die Polizei glaubt, bewiesen zu haben, dass er die Mona Lisa gestohlen hat. Die Untersuchung rund um die Mona Lisa bildet den Kontext, der die Nachforschungen auslöst, doch die konkreten Verdachtsmomente gegen den Dichter ergeben sich aus seinen Verbindungen zu Pieret und aus den tatsächlich aus dem Louvre gestohlenen Statuetten.
Bleibt, dass für Apollinaire die juristische Feinheit kaum etwas an der Schwelle seiner Zelle ändert. Er ist eingesperrt in der 11. Abteilung Gesundheit, Zelle 15. Die Erfahrung ist kurz, aber hart. Wer unter den Montmartre-Malern verkehrt, über die moderne Kunst schreibt und zu den pariser Avantgarden zählt, gerät plötzlich unter die Gefängnisordnung, zu festen Zeiten und in die Isolation.




Das Gefängnis Santé war zu jener Zeit noch nicht besonders alt. Es wurde 1867 eröffnet, vom Architekten Émile Vaudremer entworfen und zählt zu den großen pariser Zellengefängnissen des 19. Jahrhunderts. Als der Dichter dort im September 1911 eintraf, war es längst Teil des Landschaftsbildes im Süden von Paris.
Er wird anschließend von seiner nächtlichen Ankunft im Gefängnis berichten. Criminocorpus, das diese Tage aus dem Haftregister, den Gefängnisordnungen, seiner Korrespondenz und der Presse rekonstruiert hat, schätzt seinen Einlass in die Santé auf rund 23 Uhr bzw. Mitternacht. Und der psychologische Schock scheint tiefzugehen.




Der festgenommene Mann ist noch längst nicht der Apollinaire, der im Pantheon der französischen Literatur angekommen wäre. Geboren 1880 in Rom unter dem Namen Wilhelm Albert Włodzimierz Apolinary de Kostrowicki, lebt er in Frankreich, besitzt aber noch nicht die französische Staatsangehörigkeit. In dem Klima jener Zeit macht seinen fremden Status und der fremd klingende Name die Inhaftierung für ihn besonders beunruhigend. Seine Freunde setzen sich daraufhin in Bewegung.
In den Tagen darauf fordert ein Ausschuss seine Freilassung, sein Bruder Albert versucht, ihn zu besuchen, sein Anwalt greift ein. Die Presse verfolgt jede Wendung des Falls, manchmal mit einer Härte, die direkt an der Ruf des Poeten kratzt. Unterdessen schreibt Apollinaire. Das Gefängnis wird zu einem der erstaunlichsten literarischen Fortsetzungen der Mona-Lisa-Affäre beitragen: die poetische Fortsetzung « À la Santé ».




Texte entstehen zumindest teilweise während seiner Inhaftierung. Zwar zeigen Studien zu den Manuskripten, dass man sich nicht vorstellen sollte, die sechs Teile des Gedichts würden in einem einzigen Zug hinter Gittern entstehen. Apollinaire schreibt, überarbeitet, radiert und verändert seine Verse; mehrere Manuskripte datieren auf September 1911. Die spätere Folge findet schließlich Eingang in Alcools, das 1913 erscheint.
Das äußere Paris dringt durch den Lärm weiterhin bis in seine Zelle vor. In dem Gedicht existiert die Stadt hinter den Mauern, unerreichbar für den Gefangenen. Die Nähe zwischen der Gefängniserfahrung und der poetischen Erfindung ist stark genug, dass diese wenigen Tage dauerhaft an seinem Werk haften bleibt.




Guillaume Apollinaire verweilte im Gefängnis La Santé vom 7. bis zum 12. September 1911. Nachdem er fünf Tage in Haft saß, kam er auf Bewährung frei. Bereits am 14. September schildert er seine Erfahrungen in Paris unter einem ironisch-literarischen Titel: « Mes prisons ». Und Picasso – was hat er damit zu tun?
Auch der Maler wird im Rahmen des Falls befragt. Der Legende nach kam es zu einer besonders zermürbenden Konfrontation zwischen den beiden Männern, und zu einem von der Angst, bloßgestellt zu werden, gezeichneten Picasso. Doch kein Hinweis lässt sich finden, der Apollinaire oder Picasso mit dem Diebstahl der Mona Lisa in Verbindung brächte – und das aus gutem Grund: der Dieb ist woanders!




Während Paris Anarchisten, Abenteurer, Fremde und Figuren der Avantgarde im Verdacht hat, bleibt die Mona Lisa bei einem Mann verborgen, der den Louvre in- und auswendig kennt. Er heißt Vincenzo Peruggia.
Italienischer Arbeiter, Peruggia hatte für ein Unternehmen gearbeitet, das Glas-Schutzvitrinen für einige Werke des Museums montierte. Er kennt daher die Gegebenheiten vor Ort und deren Abläufe. Am 21. August 1911 gelingt es ihm, die Mona Lisa zu lösen, sie aus dem Rahmen zu nehmen und mit dem gemalten Bild den Louvre zu verlassen. Das Gemälde bleibt über zwei Jahre lang verschwunden.




Es war erst im Dezember 1913 in Florenz, als Peruggia versuchte, das Kunstwerk einem italienischen Kunsthändler, Alfredo Geri, zu übergeben. Dieser informierte die Behörden: Die Mona Lisa sei authentisch, eine Zeit lang in Italien ausgestellt und dann wieder nach Frankreich zurückgebracht. Sie kehrte schließlich in den Louvre im Januar 1914 zurück. Unterdessen hat der Diebstahl ihr eine weltweite Aufmerksamkeit verschafft.
Die Mona Lisa galt natürlich schon vor 1911 als eines der bedeutendsten Werke von Leonardo da Vinci, doch ihr Verschwinden, die Fotografien vom leeren Ausstellungsort, die Schlagzeilen, die internationale Polizeiermittlung und ihre triumphale Rückkehr haben maßgeblich dazu beigetragen, die außergewöhnliche Popularität zu schaffen, die sie heute auszeichnet!




Doch für Apollinaire enden die Folgen nicht mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis. Die Inhaftierung bleibt eine innere Wunde und ein Makel in seinem Lebenslauf. Einige Jahre später, als der Erste Weltkrieg ausbricht, bittet der Dichter darum, sich der französischen Armee anzuschließen. Letztlich erhält er im März 1916 seine Einbürgerung, nur wenige Tage, bevor er am Kopf von einem Granatsplitter an der Front getroffen wird. Er stirbt in Paris am 9. November 1918, nur 38 Jahre alt, Opfer der Spanischen Grippe.
Seine kurze Station in der Santé fasst fast im Alleingang das künstlerische Paris des frühen 20. Jahrhunderts zusammen, in dem es das Elektrisierendste gab. Und vielleicht das Sinnlichste an der Geschichte: Im September 1911 lässt der Louvre Apollinaire wegen Werken, die illegal aus seinen Sammlungen entwendet worden waren, ins Gefängnis stecken – und ein Jahrhundert später präsentiert und untersucht dasselbe Museum jene Avantgarde, zu deren stärksten Verteidigern der Dichter gehörte!
Weiterführende Informationen:
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Termine und Öffnungszeiten
Am 7. September 2026
Standort
Gesundheitsgefängnis
42 Rue de la Santé
75014 Paris 14
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