Wer in der Nähe des Bischöflichen Palais in Meaux unterwegs ist, kann diese architektonische Kuriosität kaum übersehen, die scheinbar die Gesetze der gotischen Ästhetik herausfordert: die Kathedrale Saint-Étienne in Meaux. Während der Nordturm stolz in Naturstein emporragt, ist der südliche Turm aus dem Mittelalter nur aus Holz gefertigt. Warum diese auffällige Differenz?
Die Geschichte des Schwarzen Turms ist die eines „Provisoriums“, das seit über 500 Jahren besteht. Ursprünglich um 1470 erbaut, um die Glocken nach dem Abbruch des romanischen Glockenturms zu beherbergen, wurde der Turm auf den Fundamenten eines Steinturms errichtet, der jedoch nie vollendet wurde, aus Mangel an finanziellen Mitteln. Bis dahin nutzten die Bauherren eine Holzfront, um das Bauwerk zu verschließen, und errichteten eine gewaltige Struktur, die im 17. Jahrhundert mit Kastaniendachschindeln gedeckt wurde. Die Dachkonstruktion wird von Schieferplatten überragt.
Was ursprünglich nur als Übergangslösung gedacht war, ist im Verlauf der Jahrhunderte zu einem unverwechselbaren Merkmal des Denkmals geworden, während die Glocken später in den gegenüberliegenden Turm umgezogen sind. Er hat seine dunkle Färbung bewahrt, die in der Sonne golden schimmert. Heute ist es die einzige Kathedrale der Pariser Region, bei der ein Turm dieser Größe vollständig aus Holz und Metall gefertigt ist und seinen ursprünglichen Charakter bewahrt hat.
Dieses Werk der mittelalterlichen Holzverarbeitung ist eine seltene Zeugenschaft der damaligen Handwerkskunst. Es verleiht dem Bauwerk sein faszinierendes asymmetrisches Erscheinungsbild, das fotografische Begeisterung weckt und Besucher immer wieder in Staunen versetzt.
Standort
Kathedrale von Meaux
5 Place Charles de Gaulle
77100 Meaux















