Präsentiert im Wettbewerb der Mostra di Venezia 2025, ist Orphelin ein historisches Drama unter der Regie von László Nemes, der es gemeinsam mit Clara Royer geschrieben hat. Nach Sara’s Sohn und Sundown setzt der ungarische Filmemacher seine Erforschung Europas im 20. Jahrhundert fort, diesmal in einer Geschichte, die im Nachkriegs-Ungarn spielt. Der Film, in dem der junge Bojtorján Barabás neben Andrea Waskovics und Grégory Gadebois tragende Rollen übernimmt, kommt am 11. März 2026 in französische Kinos.
Budapest, 1957. In einer Stadt, die vom Scheitern des Aufstands gegen das kommunistische Regime geprägt ist, wächst der junge Andor allein mit seiner Mutter Klara auf. Sie erzieht ihn im Gedenken an den im Nazi-Lager ums Leben gekommenen Ehemann, eine fehlende Figur, die die Familiengeschichte prägt. Das Kind formt seine Identität um diese Erzählung und eine weitergegebene Erinnerung, in einem Land, das noch immer durch Krieg und politische Unterdrückung traumatisiert ist.
Die plötzliche Ankunft eines Mannes aus dem ländlichen Gebiet wirbelt dieses fragile Gleichgewicht gehörig durcheinander. Der Fremde behauptet, der leibliche Vater von Andor zu sein, und stellt damit die gesamte Geschichte in Frage, die seine Mutter erzählt hat. Mit dieser Enthüllung gerät der Junge in eine rasante Sinnsuche nach Identität, bei der familiäre Überzeugungen brüchig werden und die Wahrheit immer nur lückenhaft erscheint. In diesem Kontext wird die Frage nach der Herkunft zugleich zur Frage nach einem Land, das sich nach den Tragödien des Jahrhunderts erst noch wieder aufbauen muss.
Der Film basiert auf einer Familiengeschichte des Regisseurs. László Nemes erklärt, dass er sich vom Schicksal seines Vaters und seiner Großmutter inspirieren ließ, um die Geschichte eines Kindes zu erzählen, das erst spät seinen echten Namen entdeckt. Statt eines streng autobiografischen Zeugnisses nähert sich der Filmemacher der Erzählung als eine narrative Materie, die von Erinnerungen, Projektionen und Fantasmen geprägt ist – allesamt geprägt von den Traumata des 20. Jahrhunderts.
Der historische Kontext ist essenziell. Die Handlung spielt im Jahr 1957, ein Jahr nach dem blutigen Aufstand in Ungarn 1956, der von sowjetischen Truppen niedergeschlagen wurde. Für den Regisseur repräsentiert diese Zeit eine Phase, in der Ungarn symbolisch zum „Waisenland“ wird – verlassen von den westlichen Mächten und in eine neue Phase der Repression gestürzt. Dieses politische Umfeld prägt die persönliche Entwicklung des jungen Helden maßgeblich.
Für die Rolle des Andor wählte László Nemes nach einem offenen Casting Bojtorján Barabás aus. Der Film nimmt die Perspektive des Kindes ein und beschränkt bewusst die Informationsfülle auf dessen Wahrnehmungsfeld. Der Regisseur setzt seine formalen Forschungsarbeiten zudem mit dem Kameramann Mátyás Erdély fort: Arbeiten mit dem Filmmaterial, modifizierte Objektive, die Bedeutung des Bildrandes außerhalb der Kamera und Sounddesign dienen dazu, eine sensorische Erfahrung zu schaffen, die ganz auf die Subjektivität des Protagonisten fokussiert.
Die genannten Einflüsse reichen vom paranoiden Kino von Alan J. Pakula — insbesondere Klute und The Parallax View — bis hin zur Welt von David Lynch, dessen Blue Velvet die Art und Weise prägt, wie die Randbereiche des Rahmens und die Schattenseiten der Handlung gestaltet werden. Dieser Ansatz versetzt das Publikum in eine aktive Rolle, da die Geschichte wie ein inneres Labyrinth gestaltet ist.
Orphelin
Film | 2026
Kinostart: 11. März 2026
Tragikomödie | Laufzeit: 2h13
Von László Nemes | Mit Bojtorján Barabás, Andrea Waskovics, Grégory Gadebois
Originaltitel: Árva
Herkunft: Ungarn
Mit Orphelin setzt László Nemes seine kinokünstlerische Auseinandersetzung mit zerbrechlichen Erinnerungen und den durch die europäische Geschichte veränderten Identitäten fort. Durch die Perspektive eines Kindes, das mit einer unsicheren Familienwahrheit konfrontiert wird, erkundet der Film die Verbindungen zwischen persönlichem Erbe, kollektivem Trauma und individueller Neubewertung.
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