Kathia St. Hilaire: Eine engagierte Ausstellung in der Galerie Perrotin

Von Laurent de Sortiraparis · Fotos von Laurent de Sortiraparis · Aktualisiert am 30. Januar 2026 um 15:43 · Veröffentlicht am 16. Januar 2026 um 16:05
Die haitianisch-amerikanische Künstlerin Kathia St. Hilaire zeigt in Paris eine faszinierende Reihe von Gravuren und Collagen, die das Spiralen, Migration und Fluchtgeschichten thematisieren. Die Ausstellung in der Galerie Perrotin ist vom 10. Januar bis zum 7. März 2026 zu sehen und lädt zu einer künstlerischen und politischen Reflexion über diasporische Lebenswege ein.

Eine Geschichte, die sich wiederholt, zerbricht und verwandelt... In der Galerie Perrotin erforscht Kathia St. Hilaire die politischen und migrationsbezogenen Erinnerungen Haitis durch eine engagierte Ausstellung mit dem Titel The Vocals of the Chaotic Burst, vom 10. Januar bis zum 7. März 2026. Die Ausstellung präsentiert Radierungen und Collagen, die von der spiralförmigen haitianischen Literatur inspiriert sind. Die Künstlerin setzt ein vielfältiges visuelles Vokabular ein, das auf spiraligen Motiven und der Zusammenfügung roher Materialien basiert – Stacheldraht, Metall, recycelter Stoff oder Verpackungen von Reinigungsprodukten –, um die Geschichten von Exil, zerbrochenen Erblasten und den eigenen Rekonstruktionsprozessen in der Diaspora zu hinterfragen.

Als Hommage an Frankétienne, den haitianischen Schriftsteller, der 2025 verstorben ist, ist die Ausstellung eine Anspielung auf den Roman Reif für die Hölle, veröffentlicht im Jahr 1968. Jede Exponat entspricht einem Satz aus diesem wegweisenden Werk des Spiralismus, einer literarischen Bewegung, die unter der Diktatur von François Duvalier entstanden ist. Die Spirale wird dabei zum zentralen Symbol, das den unendlichen Kreislauf politischer und natürlicher Katastrophen interpretiert. "Ich spreche in den Karibik-Inseln die Sprache hysterischer Stürme", schrieb Frankétienne. Die Sprache der Wirbelstürme, des wütenden Regens und des tobenden Meeres durchzieht die Werke von Kathia St. Hilaire in Form von wirbelnden Mustern und fragmentierten Szenen. Die Ausstellung verbindet so poetische, religiöse und politische Referenzen in einer visuellen Inszenierung, die keine lineare Erzählung ist, sondern eine Schichtung von Eindrücken, die sich im Rhythmus des Besuchers entfaltet.

Expositin Kathia St. Hilaire à la galerie Perrotin - IMG 3369Expositin Kathia St. Hilaire à la galerie Perrotin - IMG 3369Expositin Kathia St. Hilaire à la galerie Perrotin - IMG 3369Expositin Kathia St. Hilaire à la galerie Perrotin - IMG 3369

Migrationserfahrung als beständige Spannung

Die dargestellten Szenen erinnern an gefährliche Überquerungen, Fluchtversuche, Inhaftierungen und Zwangsrückführungen. Silhouetten auf provisorischen Booten, Figuren hinter Stacheldraht, oder Körper, die in Wartestellung hängen — diese Bilder erzählen von einer Geschichte der Wanderung, geprägt von Unsicherheit und Unbeständigkeit. Die Künstlerin befasst sich mit der haitianischen Migration nach Nassau, den Festnahmen im US-Militärstützpunkt Guantanamo in den 1990er Jahren und aktuellen Abschiebungspolitiken. Mit diesen Motiven skizziert sie eine Vision, in der die Migration zur Lebensform wird, ohne ein definitives Ziel in Sicht.

Hurrikane, die in den Werken immer wieder auftauchen, fungieren als doppelte Metaphern: Zum einen als klimatische Katastrophen, zum anderen als Symbole eines ungelösten kolonialen Erbes. Ihre spiralförmigen Formen, die den Wetterradarbildern ähneln, erinnern an die Routen der Sklavenschiffe. Die Künstlerin verbindet Wasser, geflochtene Haare und die Erinnerungen von Frauen, die während ihrer Elbesung in die Ferne verschleppt wurden und dabei Samen transportierten. Die Werke werden so zu materiellen Archiven, in denen Gegenwart, das Überleben eines afrikanischen Erbes und aktuelle Migrationsgewalt miteinander verschmelzen.

Materialien, Gravur und visualisierte Erinnerung

Die Arbeiten von Kathia St. Hilaire basieren auf einer Reduktionsradiertechnik, bei der Zeichnungen auf Laminatplatten übertragen und anschließend auf verschiedene Materialien gedruckt werden. Diese Methode erlaubt es ihr, bis zu fünfzig Schichten aus Tinte und Materiel zu übereinanderzulegen. Das Ergebnis ist eine dichte Textur, in der Fragmente früherer Werke, zerrissene Reifen, Bananenblattpapier, Drucke und recycelte Objekte miteinander verschmelzen. Das polierte, eingefügte Metall, das als Hintergrund dient, erinnert an die Praxis des Brasaj von Noailles, einem bedeutenden Zentrum haitianischer Kunst, das heute durch die Gang-Gewalt bedroht wird.

Die metallischen Strukturen, die in die Werke integriert sind – Ketten, Perlen, Drähte – wirken wie visuelle Barrieren. Sie setzen die eingeschränkte Denkweise fort, die durch die spiralförmigen Muster angedeutet wird. Die Perlenarbeit, inspiriert von Drapo Voodoo, ist ein weiteres Element des Schaffens, allerdings ohne den Einsatz von Pailletten: Die Künstlerin arbeitet mit Gravur und rohem Material, um diese heiligen Objekte in einer eigenen Ästhetik neu zu interpretieren. Durch diese Handlungen hinterfragt sie die Möglichkeit einer plastischen Resilienz, bei der jedes Element – Stoff, Spur, Trümmer – Geschichte trägt.

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Eine visuelle Inszenierung zwischen Spiritualität und Chaos

Durch die Integration von Vèvè, den heiligen Symbolen des Voodoo, verbindet die Künstlerin Zwischenräume, Rituale und die Macht spiritueller Figuren in menschlichen Lebenswegen. Sie setzt die Arbeiten von Künstler*innen wie Myrlande Constant oder Pierrot Barra fort und fügt eine fragmentierte, zeitgenössische Bildsprache hinzu. Diese Elemente tragen zur Entwicklung einer eigenen visuellen Sprache bei, die von Synkretismus, Zerlegung und Rekonstruktion geprägt ist.

Einige Werke zeigen Schmetterlinge, die über Stacheldraht schweben – ein ambivalentes Motiv, inspiriert von Gabriel García Márquez und Edwidge Danticat. Sie dienen als Vorboten, Anzeichen einer Katastrophe oder Zeichen des Wandels. Dieses Spiel zwischen Niedergang und Erneuerung durchzieht die gesamte Ausstellung und vermeidet eine lineare oder moralische Erzählweise. Das Chaos wird hier bewusst als treibende Kraft genutzt.

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Eine Ausstellung, die man in Ruhe entdecken sollte, ohne auf eine Lösung zu hoffen

Die Ausstellung The Vocals of the Chaotic Burst bietet keinen Abschluss. Stattdessen eröffnet sie einen zerrissenen Raum, geprägt von Schichten, Spannungen und Anspielungen. Durch eine dichte Radiertechnik und eine Materialbearbeitung bis an die Grenzen hinaus schafft Kathia St. Hilaire eine unwirkliche Landschaft, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsperspektiven miteinander verwoben sind. Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, sich durch dieses Geflecht aus Formen, Bildern und Stimmen zu bewegen – ohne eine eindeutige Lösung anzubieten, aber mit dem Potenzial zu einer Neugestaltung.

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Praktische Informationen

Termine und Öffnungszeiten
Von 10. Januar 2026 bis 7. März 2026

× Unverbindliche Öffnungszeiten: Um die Öffnungszeiten zu bestätigen, wenden Sie sich an die Einrichtung.

    Standort

    76 rue de Turenne
    75003 Paris 3

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    Tarife
    Kostenlos

    Offizielle Seite
    leaflet.perrotin.com

    Weitere Informationen
    Geöffnet von Dienstag bis Samstag, jeweils von 10 bis 18 Uhr.

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