Seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1910 hat das Phantom der Oper das kollektive Vorstellungsbild geprägt. Gaston Leroux erzählt die Geschichte einer mysteriösen Figur, Erik, der angeblich in den Kellern des Palais Garnier leben soll, die Maschinisten manipulieren, die Leitung der Oper terrorisieren und sich in die junge Sopranistin Christine Daaé verlieben würde.
Als eine von wahren Begebenheiten inspirierte Recherche, verwischt der Roman absichtlich die Grenze zwischen Realität und Fiktion. Und mehr als ein Jahrhundert später wecken mehrere Facetten dieser Geschichte weiterhin die Neugier der Besucher!
Eines der bekanntesten Kapitel des Romans ist der spektakuläre Sturz des Kronleuchters im Saal der Vorstellung. Diese Szene beruht auf einem authentischen Ereignis. Am 20. Mai 1896 löst sich ein Gegengewicht des gigantischen Kronleuchters des Palais Garnier und durchbricht die Decke des Saals. Eine Zuschauerin, Hausmeisterin von Beruf, wird tödlich verletzt. Im Gegensatz zum Roman stürzt also nicht der gesamte Kronleuchter ein, sondern nur ein Bauteil seines Aufhängungssystems!
Der Unfall prägt die Gemüter nachhaltig und Gaston Leroux lässt sich davon für eine der eindrucksvollsten Passagen seiner Erzählung inspirieren. Der heutige Kronleuchter, mehrfach restauriert, wiegt nach wie vor rund 7 Tonnen und gehört zu den Symbolen des Palais Garnier.
Ein weiteres unverzichtbares Element der Legende ist der mysteriöse unterirdische See, in dem der Geist angeblich sein Versteck eingerichtet haben soll. Auch hier entspringt die Fiktion einer Realität, wenngleich die Proportionen stark romantisiert sind. Während der Bauarbeiten des Palais Garnier zwischen 1861 und 1875 stoßen die Arbeiter auf eine beträchtliche Grundwasserlage. Die Durchfeuchtungen erschweren das Vorhaben erheblich. Um die Fundamente zu stabilisieren, lässt der Architekt Charles Garnier unter einem Teil des Gebäudes eine breite permanente Wasserreserve anlegen.
Es handelt sich also nicht um einen navigierbaren Natursee wie im Roman, sondern um eine gemauerte Zisterne, die dazu dient, den Wasserdruck auszugleichen und die Fundamente zu schützen. Diese Reserve besteht auch heute noch; sie wird regelmäßig instand gehalten und dient zudem als Übungsplatz für Taucher der Pariser Feuerwehrbrigade, die dort Übungen in beengten Verhältnissen durchführen.
Im Roman verlangt der Geist, dass ihm die Loge Nr. 5 reserviert wird, und droht jedem, der sich dort niederlassen würde. Diese Loge existiert tatsächlich im Palais Garnier. Sie ist bei Besichtigungen des Monuments zu sehen, auch wenn nichts Belegbares darauf hindeutet, dass sie jemals mit einer mysteriösen Präsenz verbunden war.
Gaston Leroux kannte die Örtlichkeiten ganz genau! Journalist, der sich vor seinem Roman-Debüt auf die Schlagzeilen der Tagespresse spezialisiert hatte, hatte Zugriff auf mehrere Dokumente zur Opéra und pflegte Kontakte zu einigen Mitarbeitern. Dieses Wissen über das Haus ermöglichte es ihm, Räume aus der Realität geschickt mit verifizierten Anekdoten und vollständig erfundenen Elementen zu verweben.
Wenn Phantom der Oper weiterhin fasziniert, liegt das auch daran, dass der Palais Garnier sich besonders gut für rätselhafte Geschichten eignet. Seine Kilometer technischer Gänge, seine Bühnenbild-Werkstätten, seine Hinterbühnen, die schwebenden Stege, die sich mehrere Dutzend Meter über den Künstlern erstrecken, und seine monumentalen Treppen bilden ein echtes Labyrinth.
Im 19. Jahrhundert arbeiteten dort mehrere hundert Maschinisten, Kostümbildner, Bühnenbildner und Musiker täglich, was zu zahlreichen Gerüchten und Anekdoten führte. Gaston Leroux hat die Bühne also nicht erfunden; er hat sie lediglich um eine fiktive Figur bereichert, gestützt auf historische Fakten, dokumentierte Unfälle und die Geheimnisse, die den Palais Garnier bereits umgeben hatten!
Der Palais Garnier ist das ganze Jahr über besuchbar. Besucher können die Große Treppe, das Foyer, den Großen Saal, mehrere historische Räume sowie die berühmte Loge Nr. 5 entdecken, die zu einem der unverzichtbaren Abschnitte des Rundgangs geworden ist. Das unterirdische Reservoir, das den 'See' des Phantoms inspiriert hat, ist nicht öffentlich zugänglich.
Die wahren Hintergründe der Bühne, die technischen Galerien und Werkstätten lassen sich nur bei außergewöhnlichen Führungen entdecken und im Rahmen bestimmter geführter Rundgänge, die den Hinter den Kulissen des Opernhauses gewidmet sind.
Seit mehr als einem Jahrhundert begleitet die Legende das Palais Garnier weiter. Zwar ist kein Geist jemals in seinen Kellern gefunden worden, doch haben mehrere durchaus reale Begebenheiten maßgeblich dazu beigetragen, dass eine der bekanntesten Erzählungen der französischen Literatur entstanden ist!
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Standort
Pariser Oper - Palais Garnier
8 Rue Scribe
75009 Paris 9
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Zugang
Metro: Station Opéra (Linie 3, 7 oder 8) Auber (RER A)
Offizielle Seite
www.operadeparis.fr
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