Am 19. September 1783 drängen sich unzählige Menschen vor dem Schloss Versailles, um einer noch vor wenigen Monaten kaum vorstellbaren Demonstration beizuwohnen. Unter den Augen von Ludwig XVI. und der Königsfamilie hebt ein Ballon der Brüder Montgolfier vom Boden ab – mit drei ungewöhnlichen Passagieren: ein Schaf, eine Ente und ein Hahn. Niemand wagt es, sich hineinsetzen – denn bevor ein Mensch sein Leben riskiert, muss geprüft werden, ob ein Lebewesen einer Reise in die Lüfte standhalten kann.
Die Geschichte beginnt weit entfernt von Versailles, in Annonay in der Ardèche, wo Joseph und Étienne Montgolfier zu einer bedeutenden Familie von Papierherstellern gehören. Seit 1782 experimentieren die beiden Brüder mit Papier- und Leinwandhüllen, die sie mit heißer Luft füllen. Sie kennen die physikalischen Mechanismen noch nicht genau und sprechen von einer bestimmten Gasart, doch ihre Intuition funktioniert: Warme Luft, die weniger dicht ist als die sie umgebende Luft, lässt den Ballon steigen.




Am 4. Juni 1783 sorgt eine erste öffentliche Demonstration, die in Annonay organisiert wurde, für einen solchen Eindruck, dass die Neuigkeit bis nach Paris gelangt. Die Königliche Akademie der Wissenschaften zeigt Interesse an dem Experiment, und Étienne Montgolfier reist in die Hauptstadt, um seine Versuche fortzusetzen. Die Eroberung der Luft wird in wenigen Wochen zu einer der großen wissenschaftlichen Sensationen des Jahres.
Versailles soll die entscheidende Demonstration liefern. Zum Anlass arbeitet Étienne Montgolfier mit Jean-Baptiste Réveillon zusammen, dem Besitzer der berühmten Tapetenmanufaktur Folie Titon, im Faubourg Saint-Antoine in Paris. Der Ballon, der für das Experiment gebaut wurde, Réveillon, ist spektakulär: etwa 18,5 Meter hoch und 13 Meter breit, rund 400 Kilogramm schwer und eine Hülle aus blauer Baumwollplane, die mit Papier beklebt ist, an der sich goldene Verzierungen abzeichnen.




Doch droht der Bau mitunter abrupt zu scheitern! Nur wenige Tage vor der königlichen Präsentation ist der Ballon, der bei den Versuchen eingesetzt wurde, schwer beschädigt. Man muss rasch eine neue Hülle konstruieren, die vor dem Hof präsentiert werden kann. Der Termin am 19. September bleibt bestehen. Bleibt eine deutlich heiklere Frage: Was geschieht mit einem Lebewesen, wenn es mehrere hundert Meter hoch steigt? Heute scheint die Antwort offensichtlich, doch 1783 ist sie alles andere als klar! Die Aerostatik ist gerade erst geboren, und niemand hat bisher einen echten freien Flug mit einem Ballon durchgeführt. Die Wissenschaftler wissen noch nicht, welche Auswirkungen Höhe, Bewegung oder die Luft der oberen Schichten auf den Körper haben könnten.
Es wird daher beschlossen, Tiere zu schicken. Die Auswahl der drei Arten folgt einer klaren experimentellen Logik. Das Schaf, ein landlebendes Säugetier, dessen Physiologie dem Menschen als ausreichend nah gilt, soll als Hauptbeobachtungsträger dienen. Die Ente, die gewohnt ist zu fliegen, liefert gewissermaßen einen Vergleichspunkt. Was den Hahn betrifft, ein Vogel, der zwar fliegen kann, aber im Wesentlichen bodenlebend ist, nimmt eine Zwischenposition ein.




Am 19. September wird der Vorhof des Schloss Versailles von Zuschauern überrannt. Zeitgenössische Drucke sprechen von einer beträchtlichen Besucherzahl; einigen Schilderungen zufolge sind gar mehr als 130.000 Menschen zu zählen – eine beeindruckende Zahl, die man allerdings mit Vorsicht betrachten muss, da Volkszählungen im 18. Jahrhundert uneinheitlich und ungenau waren. Fest steht dagegen unstrittig, dass Louis XVI., Marie-Antoinette und die Königsfamilie anwesend waren. Die wissenschaftliche Versuchsanordnung wurde zu einem Hofspektakel.
Um 13 Uhr läutet ein Kanonenschuss den Beginn der Operationen ein. Die 3 Tiere sind in einer Käfig- oder einem Weidenkorb aufgehängt, der unter dem Luftschiff befestigt ist. Um die riesige Hülle zu füllen, wird ein Feuer entfacht, das unter anderem mit Stroh und Wolle gespeist wird. 11 Minuten später ist der Ballon bereit, er wird freigegeben und beginnt aufzusteigen.




Vor der Menge steigt die riesige blaue und goldene Hülle über Versailles empor, begleitet von ihrem Schaf, ihrem Hahn und ihrer Ente. Der Ballon erreicht etwa 600 Meter Höhe, doch ein Riss in die Hülle beendet das Experiment und löst einen allmählichen Abstieg aus. Nach ca. 8 Minuten Flug landet das Luftgefäß etwa 3,5 Kilometer von seinem Startpunkt entfernt, im Bois de Vaucresson, am Ortsteil Carrefour Maréchal.
Es bleibt abzuwarten, was aus den drei Reisenden wird. Jean-François Pilâtre de Rozier, ein junger Physiker, der den Montgolfier-Experimenten mit Begeisterung folgt, schließt sich dem Ballon an. Die Feststellung ist eindeutig: Die Tiere leben noch, auch wenn Berichte von einer Verletzung des Hahns berichten, der während der Landung eine Pfote vom Schaf abbekommen haben soll, statt unter den Auswirkungen der Höhe gelitten zu haben.




Die Versuchsziel erreicht: Ein Säugetier verbrachte mehrere Minuten unversehrt in der Luft. Damit wird es deutlich schwerer zu behaupten, dass ein Mensch das Gleiche nicht könnte! Louis XVI. habe zunächst erwogen, für die ersten Menschenversuche Verurteilte einzusetzen, einem Vorschlag, dem Pilâtre de Rozier widersprochen haben soll, indem er die Ehre beanspruchte, das Experiment selbst zu wagen. Auch wenn die Anekdote oft kolportiert wird, sind die genauen Umstände dieses Gesprächs weniger fest dokumentiert als der Flug selbst.
Eines ist sicher: Pilâtre de Rozier wird bald in der Nacelle stehen. Bereits im Oktober absolviert er angeleitete Aufstiege, der Ballon bleibt am Boden durch Seile festgehalten. Dann, am 21. November 1783 in Paris, von dem Château de La Muette, Pilâtre de Rozier und der Marquis François Laurent d'Arlandes setzen sich in eine Montgolfière und heben ohne Bindung ab. Dieses Mal hält kein Kabel sie zurück. Die beiden Männer überfliegen Paris rund zwanzig Minuten, bevor sie in der Nähe der Butte-aux-Cailles landen. Zum ersten Mal haben Menschen damit einen freien Flug an Bord einer Flugmaschine unternommen!




Zwischen den beiden Experimenten vergingen lediglich 73 Tage. Der Versailles-Flug besitzt daher eine Bedeutung, die weit über sein pittoreskes Erscheinungsbild hinausgeht. Das Schaf, die Ente und der Hahn sind nicht einfach drei Tiere, die in den Himmel geschickt wurden, um Ludwig XV. zu unterhalten; sie bilden die ersten Passagiere einer Versuchsanordnung, die darauf abzielt, den menschlichen Flug direkt vorzubereiten.
Der Erfolg löst bald eine regelrechte Aerostation-Fieber aus. In Paris und in Versailles ziehen die Aufstiege riesige Menschenmengen an, und Ballons erobern auch die dekorativen Künste: Fächer, Teller, Kästchen, Schmuck, Stoffe und Möbel bedecken sich mit Montgolfières. Diese "Ballonomanie" wird zu einer der charakteristischsten Moden der letzten Jahre des Ancien Régime.




Die drei Pioniere des 19. Septembers erleben dagegen eine deutlich ruhigere Zeit. Denn laut dem vom Schloss Versailles aufbewahrten Bericht lässt Ludwig XVI. die Tiere in der königlichen Menagerie sammeln – nach ihrem Abenteuer!
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Am 19. September 2026
Standort
Schloss von Versailles
Château de Versailles
78000 Versailles
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