Kathia St. Hilaire: Eine spiralistische und politische Ausstellung in der Galerie Perrotin

Von Laurent de Sortiraparis · Aktualisiert am 16. Januar 2026 um 19:20 · Veröffentlicht am 16. Januar 2026 um 16:05
Der haitianisch-amerikanische Künstler Kathia St. Hilaire zeigt in Paris eine Ausstellung mit Gravuren und Collagen zum Thema Spiralis — Migration und Exilgeschichten. Die Schau ist vom 10. Januar bis zum 7. März 2026 in der Galerie Perrotin zu sehen.

Ein visuelles Sturmgewitter, bei dem die Geschichte im Loop läuft... Kathia St. Hilaire präsentiert The Vocals of the Chaotic Burst, eine Ausstellung mit komplexen Radierungen und Collagen, inspiriert von der haitianischen Spiral-Literatur, in der Galerie Perrotin. Vom 10. Januar bis zum 7. März 2026 dreht sich diese visuelle Präsentation um allgegenwärtige Spiralmuster, die die Künstlerin nutzt, um die politische und migratorische Geschichte Haitis zu hinterfragen. Jedes Werk greift eine dichte bildnerische Sprache auf, die aus rohem Material wie Stacheldraht, Metal, recyceltem Stoff oder auch Verpackungen von aufhellenden Schönheitsprodukten zusammengesetzt ist. Diese Elemente werden in übereinandergelegten Kompositionen vereint, wodurch die Schichtung diasporischer Erzählungen, zerbrochene Erbes und Versuche der Wiederherstellung sichtbar gemacht werden.

Als Hommage an Frankétienne, den haitianischen Schriftsteller, der 2025 verstorben ist, ist die Ausstellung eine Anspielung auf den Roman Reif für die Hölle, veröffentlicht im Jahr 1968. Jede Exponat entspricht einem Satz aus diesem wegweisenden Werk des Spiralismus, einer literarischen Bewegung, die unter der Diktatur von François Duvalier entstanden ist. Die Spirale wird dabei zum zentralen Symbol, das den unendlichen Kreislauf politischer und natürlicher Katastrophen interpretiert. "Ich spreche in den Karibik-Inseln die Sprache hysterischer Stürme", schrieb Frankétienne. Die Sprache der Wirbelstürme, des wütenden Regens und des tobenden Meeres durchzieht die Werke von Kathia St. Hilaire in Form von wirbelnden Mustern und fragmentierten Szenen. Die Ausstellung verbindet so poetische, religiöse und politische Referenzen in einer visuellen Inszenierung, die keine lineare Erzählung ist, sondern eine Schichtung von Eindrücken, die sich im Rhythmus des Besuchers entfaltet.

Kathia St. Hilaire : une exposition spiraliste et politique à la Galerie PerrotinKathia St. Hilaire : une exposition spiraliste et politique à la Galerie PerrotinKathia St. Hilaire : une exposition spiraliste et politique à la Galerie PerrotinKathia St. Hilaire : une exposition spiraliste et politique à la Galerie Perrotin
©Claire Dorn. Courtesy of the artist and Perrotin

Migrationserfahrung als beständige Spannung

Die dargestellten Szenen erinnern an gefährliche Überquerungen, Fluchtversuche, Inhaftierungen und Zwangsrückführungen. Silhouetten auf provisorischen Booten, Figuren hinter Stacheldraht, oder Körper, die in Wartestellung hängen — diese Bilder erzählen von einer Geschichte der Wanderung, geprägt von Unsicherheit und Unbeständigkeit. Die Künstlerin befasst sich mit der haitianischen Migration nach Nassau, den Festnahmen im US-Militärstützpunkt Guantanamo in den 1990er Jahren und aktuellen Abschiebungspolitiken. Mit diesen Motiven skizziert sie eine Vision, in der die Migration zur Lebensform wird, ohne ein definitives Ziel in Sicht.

Hurrikane, die in den Werken immer wieder auftauchen, fungieren als doppelte Metaphern: Zum einen als klimatische Katastrophen, zum anderen als Symbole eines ungelösten kolonialen Erbes. Ihre spiralförmigen Formen, die den Wetterradarbildern ähneln, erinnern an die Routen der Sklavenschiffe. Die Künstlerin verbindet Wasser, geflochtene Haare und die Erinnerungen von Frauen, die während ihrer Elbesung in die Ferne verschleppt wurden und dabei Samen transportierten. Die Werke werden so zu materiellen Archiven, in denen Gegenwart, das Überleben eines afrikanischen Erbes und aktuelle Migrationsgewalt miteinander verschmelzen.

Materialien, Gravur und visualisierte Erinnerung

Die Arbeiten von Kathia St. Hilaire basieren auf einer Reduktionsradiertechnik, bei der Zeichnungen auf Laminatplatten übertragen und anschließend auf verschiedene Materialien gedruckt werden. Diese Methode erlaubt es ihr, bis zu fünfzig Schichten aus Tinte und Materiel zu übereinanderzulegen. Das Ergebnis ist eine dichte Textur, in der Fragmente früherer Werke, zerrissene Reifen, Bananenblattpapier, Drucke und recycelte Objekte miteinander verschmelzen. Das polierte, eingefügte Metall, das als Hintergrund dient, erinnert an die Praxis des Brasaj von Noailles, einem bedeutenden Zentrum haitianischer Kunst, das heute durch die Gang-Gewalt bedroht wird.

Die metallischen Strukturen, die in die Werke integriert sind – Ketten, Perlen, Drähte – wirken wie visuelle Barrieren. Sie setzen die eingeschränkte Denkweise fort, die durch die spiralförmigen Muster angedeutet wird. Die Perlenarbeit, inspiriert von Drapo Voodoo, ist ein weiteres Element des Schaffens, allerdings ohne den Einsatz von Pailletten: Die Künstlerin arbeitet mit Gravur und rohem Material, um diese heiligen Objekte in einer eigenen Ästhetik neu zu interpretieren. Durch diese Handlungen hinterfragt sie die Möglichkeit einer plastischen Resilienz, bei der jedes Element – Stoff, Spur, Trümmer – Geschichte trägt.

Kathia St. Hilaire : une exposition spiraliste et politique à la Galerie PerrotinKathia St. Hilaire : une exposition spiraliste et politique à la Galerie PerrotinKathia St. Hilaire : une exposition spiraliste et politique à la Galerie PerrotinKathia St. Hilaire : une exposition spiraliste et politique à la Galerie Perrotin
©Guillaume Ziccarelli Courtesy of the artist and Perrotin

Eine visuelle Inszenierung zwischen Spiritualität und Chaos

Durch die Integration von Vèvè, den heiligen Symbolen des Voodoo, verbindet die Künstlerin Zwischenräume, Rituale und die Macht spiritueller Figuren in menschlichen Lebenswegen. Sie setzt die Arbeiten von Künstler*innen wie Myrlande Constant oder Pierrot Barra fort und fügt eine fragmentierte, zeitgenössische Bildsprache hinzu. Diese Elemente tragen zur Entwicklung einer eigenen visuellen Sprache bei, die von Synkretismus, Zerlegung und Rekonstruktion geprägt ist.

Einige Werke zeigen Schmetterlinge, die über Stacheldraht schweben – ein ambivalentes Motiv, inspiriert von Gabriel García Márquez und Edwidge Danticat. Sie dienen als Vorboten, Anzeichen einer Katastrophe oder Zeichen des Wandels. Dieses Spiel zwischen Niedergang und Erneuerung durchzieht die gesamte Ausstellung und vermeidet eine lineare oder moralische Erzählweise. Das Chaos wird hier bewusst als treibende Kraft genutzt.

Eine Ausstellung, die man in Ruhe entdecken sollte, ohne auf eine Lösung zu hoffen

Die Ausstellung The Vocals of the Chaotic Burst bietet keinen Abschluss. Stattdessen eröffnet sie einen zerrissenen Raum, geprägt von Schichten, Spannungen und Anspielungen. Durch eine dichte Radiertechnik und eine Materialbearbeitung bis an die Grenzen hinaus schafft Kathia St. Hilaire eine unwirkliche Landschaft, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsperspektiven miteinander verwoben sind. Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, sich durch dieses Geflecht aus Formen, Bildern und Stimmen zu bewegen – ohne eine eindeutige Lösung anzubieten, aber mit dem Potenzial zu einer Neugestaltung.

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Praktische Informationen

Termine und Öffnungszeiten
Von 10. Januar 2026 bis 7. März 2026

× Unverbindliche Öffnungszeiten: Um die Öffnungszeiten zu bestätigen, wenden Sie sich an die Einrichtung.

    Standort

    76 rue de Turenne
    75003 Paris 3

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    Tarife
    Kostenlos

    Offizielle Seite
    leaflet.perrotin.com

    Weitere Informationen
    Geöffnet von Dienstag bis Samstag, jeweils von 10 bis 18 Uhr.

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