Auf den ersten Blick scheint dieses Haus in der Rue des Ursins zu den wenigen noch sichtbaren mittelalterlichen Wohnhäusern in Paris zu gehören. Am Eckpunkt der Rue des Chantres, auf der Île de la Cité, zeigt es alle Merkmale der zivilen gotischen Architektur: eine Turmspitze, Spitzbogenöffnungen, Fenster mit Maßwerk, schmiedeeiserne Details und eine imposante Holztür. Dennoch ist dieses Bauwerk kein Relikt aus dem Mittelalter. Der Architekt Fernand Pouillon ist sein Schöpfer und hat es 1958 umgestaltet, mit dem Ziel, jene verblasste Atmosphäre des alten Paris wiederaufleben zu lassen.
Das Projekt spielt auf einem historisch bedeutsamen Gelände. Im Mittelalter befand sich hier das Hôtel de Jean de Jouvenel des Ursins, der als Vogt der Kaufleute am Ende des 14. Jahrhunderts hier ansässig war. Das Gebäude wurde jedoch im XVII. Jahrhundert zerstört, und von ihm ist nichts mehr erhalten. Viel später zeigen die Fotografien von Eugène Atget eine bescheidene Bauwerk, in dem sich unter anderem ein Weinhändler und ein Wagenverleiher mit Handkarre niederließen. Nachdem er das Grundstück erworben hatte, bewahrt Fernand Pouillon Teile des Bestands, verändert aber das Erscheinungsbild grundlegend. Er fügt alte Bauteile aus verschiedenen Gebäuden zusammen – etwa Fensterrahmen, Türen oder Schmiedearbeiten – und verbindet sie mit einer sorgfältig gearbeiteten zeitgenössischen Struktur, um die Illusion eines historischen Hauses zu erzeugen.
Diese Realisierung echo gleichzeitig das Bild wider, das viele mit der Île de la Cité verbinden – zwischen mittelalterlichem Erbe und Literatur. Das Viertel war im 19. Jahrhundert durch die Arbeiten Haussmanns tiefgreifend umgestaltet worden, wodurch ein Großteil der alten Gassen verschwand. Die Rue des Ursins gehört zu den wenigen Wegen, die ihren historischen Verlauf bewahrt haben. In seinen Mémoires d'un architecte, veröffentlicht 1968, kehrt Fernand Pouillon zu dieser Realisierung zurück: „Nach einem Jahr der Arbeiten wurde die Ruine, Stein für Stein abgetragen, durch eine geschickt inszenierte Nachahmung architektonischer Elemente ersetzt, die seither allen, die von einem Blick auf die Seine träumen, Neid und Bewunderung einflößen“, heißt es.
Heute teilt dieses überraschende Haus seinen Innenhof mit dem Hôtel de la Motte-Montgaubert, dem ehemaligen Maison des Chantres, das als historisches Monument geschützt ist. Das Ensemble beherbergte über mehrere Jahrzehnte die Pariser Residenz des Aga Khan und seiner Familie. Was das Haus in der Rue des Ursins betrifft, zieht es nach wie vor Spaziergänger und Kreuzfahrtpassagiere auf der Seine in seinen Bann (die Architektur wirkt aus der Perspektive des Flusses besonders markant), die es oft für eine echte mittelalterliche Bauweise halten, obwohl es zu den überzeugendsten architektonischen Pastichen der Hauptstadt gehört.
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